Nachrichten » News

17.05.2008 - 10:55 - Dirk Kirchberg

next08: Auf der Raffaello-Insel

Hamburg, 26 Grad, wolkenloser Himmel, und die Agentur- und Marketing-Szene trifft sich in weißen Zelten. Werbemäuschen auf hochhackigen Schuhen tippeln durch die Gegend, und Kerle mit Megatonnen Gel im Haar, braunenSchuhen zum Nadelstreifen lavieren von Panel zu Panel.

Schick ist die Location, das Museum Prototyp in der Hafencity. Dass hier sonst schicke und teure Autos präsentiert werden, passt ins Bild dieser exklusiven Veranstaltung, für die Tickets bis zu 1.000 Euro gekostet haben. 1.000 Euro – dafür muss das Programm aber mordsmäßig rocken. Mal sehen…

Das Motto der next08 lautete get realtime. Ist dieses Thema also auch endlich in Deutschland angekommen. Herzlichen Glückwunsch. Was ich dann aber erlebe, erinnert mich aber eher an eine Web 2.0-Einführung für Unternehmer und Agenturen, die bisher noch nicht so richtig verstanden haben, was das Web eigentlich kann. Und immer wieder die Frage nach der Vermarktung. Als ob es immer nur im eine möglichst große Herde Cashcows gehen würde. Aber bitte, wahrscheinlich gehöre ich einfach nicht zur angepeilten Zielgruppe.

Werner Vogels von Amazon stand mit Accelerating the Speed of Innovation – Compete in Ideas not Resources im Programm. Der Titel klang hervorragend: Wie Ideen ihren Weg finden. Aber sein Vortrag wurde dann doch nur zur einer einzigen Werbeveranstaltung für die Amazon-Services. Dass Amazon längst kein Buchladen mehr ist und in einigen Jahren mehr über ihr cloud computing verdienen dürfte als über verkaufte Bücher, dürfte klar sein. Amazon will be like a book store that sells cocaine out the back door.

Wie bei jeder webaffinen Konferenz durfte auch Hamburg natürlich das Thema Bürgerjournalismus nicht fehlen. Neben einem Moderator, der immer wieder mit dem halten Hut der Bürgerjournalisten kam, saßen Katharina Borchert (Der Westen) und Jochen Wegner (Focus Online) auf der Bühne, wechselten den einen und anderen verwirrten Blick und kamen zu dem Schluss, dass auch diese Diskussion seit mindestens drei Jahren geführt wird – und keiner so richtig versteht, warum.

Denn die meisten Blogger wollen gar keine Journalisten sein. Das zeigte auch eine Spontanumfrage, wer denn etwa eigene Beiträge bei einerm journalistischem Portal online stellen wolle. Es meldete sich: Keiner. Das Publikum reagierte dementsprechend missbilligend, denn was eine spannende Diskussion über die Vor- und Nachteile der Leserpartizipation hätte werden können, wurde vom Moderator elegant gegen die Wand gefahren. Passend für ein Automuseum…

Spaßig dagegen war der wohl weltweit längste Elevator Pitch. Ein Elevator Pitch ist eine so genannte Aufzugspräsentation, bei der die Idee für ein neues Produkt oder eine Dienstleistung während der Dauer einer Fahrstuhlfahrt präsentiert werden muss. In Hamburg bekam jedes Start-Up statt sonst üblicher 30 Sekunden ganze 3 Minuten. Jede Folie wurde nach 18 Sekunden gewechselt. Das versprach Abwechslung, und hielt es auch.

Denn das bunte Zirkuspferd der Web 2.0-Arena, Sascha Lobo, war engagiert worden, um den Präsentierenden Zwischenfragen zu stellen. Wahrscheinlich, um die Quote der Buzzwords möglichst niedrig zu halten. Oder auch um eine Präsentation, deren Folien einer schweren Körperverletzung entsprachen, mit einer einzigen Frage zu demontieren. Denn während auf der Bühne ein gut gegelter Herr seinen Service anpries, fragte Lobo nur kurz und trocken: »Wer macht euer Corporate Design?«

Auch wenn die meisten Vorträge fürchterlich dicht an der Oberfläche dahindümpelten, gab es auch Lichtblicke. So etwa der Vortrag von Stowe Boyd, der über den Fluss der Dinge sprach. Boyd ist der Meinung, dass alles, was wichtig ist, erneut auftauchen wird. Man muss den Mails und Tweets also nicht hinterherlaufen, sie kommen wieder, wenn es wichtig war. Der Mann nutzt keinen Anrufbeantworter, und E-Mails dürfen ihm mittlerweile nur noch noch Freunde und Kollegen schicken. Wer ihm mit einer Idee per Mail kommt, wird gespamfiltert.

Vorschläge nimmt er nur noch per Twitter entgegen. 140 Zeichen müssen reichen, um eine gute Idee schmackhaft zu machen. Und so vermeidet Boyd eben auch jene Buzzwords, die uns Zeit rauben und doch nur nerven. Geniale Idee!

Außerdem führte Boyd allen Anwesenden vor Augen, dass wir alle mittlerweile die Dinosaurier des Webs sind. »Meine Kinder hassen Voice-Mail. Und auch E-Mail nutzen sie nicht«, erklärt Boyd, »bei denen läuft alles über IM. Hausaufgaben machen sie auch so auch – zusammen.« E-Mails wären für seine Kinder ein unternehmerisches Werkzeug des Bösen. Eine wahrlich gute Beschreibung.

Wir sollten endlich begreifen, dass das Netz keine Plattform für Kommunikation, sondern für Zusammenarbeit ist, für social collaboration, so wie man sie bei unseren Kumpels von amazee, die ich nach Hannover und Berlin nun auch in Hamburg traf, betreiben kann. Es war wieder einmal sehr angenehm, wir sehen uns am See!

Am See wäre ich auch gern gewesen, denn auf der next08 war es rappelvoll. Und dabei waren laut SMS des Veranstalters nur rund 870 der angemeldeten 1271 Teilnehmer da. Das schreit nach zigfacher Überbuchung. Bereits zur Keynote war der große Saal hoffnungslos überfüllt. 

Was bleibt von der next08? Ein sehr zwiespälter Eindruck. Hier wurde fleißig poliert, aber präsentiert wurde nur leichte Kost. Außer Stowe Boyds Vortrag war nichts Inspirierendes für mich dabei. So sparte ich mir auch die große Party am Abend. Ich hatte genug von Agenturschnitten und Machern, von weißen Zelten, Pastasalat und Limonenwasser. Ein ehrliches Bier musste her. Doch nur das alkoholfreie war kalt, wie auch nicht nur der richtige Stoff bereits um kurz nach 16 Uhr lauwarm war.

Hätte ich mein Ticket bezahlen müssen, wäre ich jetzt stinksauer. Die nächste next kann gern ohne mich stattfinden. Für das Geld kaufe ich mir lieber einen kleinen iMac und fahre zur nächsten re:publia. Da wird einem wenigstens etwas für den Kopf geboten.

P.S. Bisher sind zwar nur die beiden Keynotes als Videos online. Aber vielleicht kommt da noch mehr. Es wurde nämlich jeder Vortrag – zumindest im großen Saal – gefilmt.

 

weitere Artikel aus dem Bereich News

Die Welt verbindende Bilder
iMac Sondermodell mit Trackpad für 999,90 Euro

weitere Artikel

Besuch in der Hölle: Gitarrenspiel auf dem Mac
iMac Sondermodell mit Trackpad für 999,90 Euro

Zum Archiv Mai 2008

Kommentare - 1 von 1

Kommentar verfassen

Wenn Sie noch keinen Benutzernamen und Passwort haben, müssen Sie sich vorher registrieren.

danke

17.05.2008 - 11:40 - (claude)

danke für die schöne Zusammenfassung.
Als wäre ich dabei gewesen. (zum glück nicht).

Ich habe diese marketing leute noch nie verstanden. Was machen die eigentlich beruflich?
die schönen Autos und Spesenkonten könnten mir allerdings auch gefallen.
Warum 1000 Euro eintritt. Ist doch bloß wieder steuerlich-widerlich.
Kuß

Suche


QuickFinder

Tag-Cloud

Mein mackauf

Passwort vergessen?
Registrieren

Service

Eventübersicht
Nachrichtenarchiv
Lexikon
Kontakt
Mediadaten
Impressum