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20.10.2008 - 09:47 - Dirk Kirchberg

Wie eine gute Absicht korrumpiert werden kann

 Eigentlich wollte ich heute Morgen ein langes Stück zu den thematischen Eckpunkten Kreativität, Urheberrecht, Freiheit, Business schreiben. So in etwa. Wie gesagt, eigentlich. Denn dann passierte etwas, was mich erst begeisterte, wie schnell und unkompliziert das Netz bei Problemlösungen helfen kann, und dann schockierte, weil der Faktor Mensch trotz aller guten Absichten alles vernichten kann.

Worum es geht? Es geht um die Hilfsaktion von Adam Jackson, der versuchte, innerhalb von zwei Tagen 3.000 Dollar aufzutreiben, um den Traum einer Freundin zu retten, die sich gerade nicht einmal selbst helfen kann.

Aber lasst mich am Anfang der Geschichte beginnen. Liana Lehua ist Mitbetreiberin eines professionellen Podcast-Studios in San Francisco, in dem Menschen, die selbst kein Equipment haben,  um ihre eigenen Shows produzieren zu können. Technik für 50.000 Dollar inklusive eines Greenscreens stehen zur Verfügung.

Am 4. Oktober verschwand Liana plötzlich vom virtuellen Radar. 13 Tage später hatten sich Rechnungen angehäuft, und Sponsorenvertrage waren ausgelaufen. Am Samstag erfuhr Adam, dass seine beste Freundin nun in einer Klinik läge. Schlimm genug, sollte man meinen. Aber es kommt noch dicker. Die Vermieter des Studios und des Equipment hatten beschlossen, an diesem Montag alles Equipment zu liquidieren und das Studio aufzulösen, sollte die fällige Miete nicht bezahlt werden.

Das wollte Adam nicht geschehen lassen. Der Traum seiner Freundin sollte nicht sterben. Und da Liana keine reinen Spenden wollte, entwickelte Adam den Plan, aus dem Studio ein Non-Profit zu basteln, und jeder, der für die Rettung des Studios spendete, sollte gleichzeitig Mitglied dieses Non-Profits werden.

Unternehmen, die Geld spendeten, sollten exklusive Werbebanner sowie Studiozeit erhalten. Und mit einer weiteren hilfsbereiten Freundin machte sich Adam daran, einenn Telethon ins Netz auszustrahlen.

Gestern Abend erfuhr ich via Twitter von der Aktion, rechercherte ein wenig, um sicher zu sein, dass alles mit rechten Dingen zugeht und machte mich dann daran, zu helfen. Mit dem großen zwischen mir und dem Studio sowie mit einem dünnen Budget, blieb mir nichts anderes übrig, Leute anzumailen und via Twitter weitere Hilfe zu suchen. 10 Dollar spendete ich dann doch kurz nach Mitternacht, weil es richtig gut aussah, wie alles lief. Bereits 2000 Dollar waren gesammelt worden. Eine der Hosts des Telethons hatte zur Feier der erreichten 2/3-Marke einen Löffel Zimt essen wollen und das Gewürz wie ein fauchender Drache in der Wohnung verteilt. Alle Helfenden waren guter Dinge, dass die Rettungsaktion erfolgreich sein würde. High spirits eben.

Doch heute Morgen dann die bittere Überraschung: Liana ging es immer schlechter, sie war auf die Intensivstation gekommen. Und irgendwann hatten verschiedene Leute angefangen, an den Motiven von Adams Aktion zu zweifeln. Sie unterstellten ihm, er würde nicht die Wahrheit sagen und wolle sich sogar bereichern. Da bei hatte Adam immer und immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass die Spenden sicher seien und er überhaupt nicht an das Geld käme, und alle Spenden zurückfließen würden, sollte man das Ziel nicht erreichen.

Doch alle Versicherungen seiner guten Absichten halfen nichts. Das Klima war vergiftet. Heute Morgen dann stellte er klar, dass er sich vielleicht nicht immer korrekt ausgedrückt hatte. Aber wer wollte ihm das nach 20 Stunden ununterbrochener Moderation im Telethon verdenken. Die Aktion war gescheitert. An den nötigen 3000 Dollar fehlten nur 355 Dollar. Damit wäre das Studio gerettet gewesen. Doch der Zweifel weniger vernichtete die Bemühungen vieler. Innerhalb von Stunden wurde aus einem, der selbstlos helfen wollte, jemand, dem vorgeworfen wurde, ein Betrüger zu sein.

Die ganze Nummer betrübt mich sehr, zeigt sie doch, wie anfällig wir immer noch sind für Neid und Missgunst. Versucht jemand tatsächlich zu helfen, vermuten wir oft gleich das Schlimmste. Was hat er davon? und Er will sich doch nur wichtig machen! lauten dann oft gleich die Vermutungen.

Haben wir verlernt zu helfen, auf unseren Bauch und unser Herz zu hören? Ich hoffe nicht, aber die Zeichen stehen nicht unbedingt gut. Ich kann mich trotz des nicht erreichten Ziels nur damit trösten, dass wir es versucht haben. Und dass das alles ist, was letztlich zählt. Samuel Beckett packte das in den Satz, der mich lange als Motto begleitet hat: »Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.«

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Kommentare - 2 von 2

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Wie geht's denn inzwischen eigentlich ...

22.10.2008 - 09:18 - (karafla)

... der besten Freundin von A. J.? Hat sie sich wieder ein bisschen erholt?
Und gib bitte mal ein Zeichen, Dirk, wenn Du Deine 10 Dollar zurückerhalten hast. Nur so interessehalber ...

Geld wieder da

07.11.2008 - 18:47 - (Kirkhill)

Moin!

Das Geld war gleich am nächsten Tag wieder da. Und Liana sollte dieser Tage das Krankenhaus verlassen können. Ihr soll es wieder besser gehen.

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