Seit die Olympiafackel durch die Welt wandert – bewacht von bis zu 15.000 Soldaten – , ist das Thema Tibet in aller Munde und als Armbinde auch an so manchem Bizeps vertreten. Auch in meiner Nachbarschaft hängt eine Tibetflagge an einem Fenstersims. Der Platz war gerade frei, die Fußball-EM kommt ja erst noch.
Auch wenn ich verstehe, dass die Tibet-Sympathisanten die Zeit vor den Olympischen Spielen verstärkt nutzen, um auf Lage in Tibet hinzuweisen, so finde ich diese ganze Diskussion dch scheinheilig. Denn die Unterdrückung Tibets findet ja nicht erst seit gestern statt, sondern seit Jahrzehnten. Aber jetzt sollen plötzlich Sportler lösen, was Politiker nicht anrühren wollten...
Auf allen Kanälen und in fast allen Talkshows sitzen jetzt Aktivisten, vorzugsweise gutaussehende SchauspielerInnen, die für Tibet auf die Barrikaden steigen, verbal, versteht sich. Die Frage, warum niemand von diesen Gewissensmenschen für Darfur auf die Straße geht, habe ich – für mich – beantwortet.
Tibet hat den Knut-Bonus, will sagen, mit dem Dalai Lama hat man ein knuddeliges Maskottchen. Dazu noch modische Holzkugel-Armbänder und schicke Seidenschals. Außerdem ist man als Tibet-Freund in bester internationaler Gesellschaft, sind doch so schillernde A- bzw. C-Promis wie etwa Richard Gere und Steven Seagal erklärte Buddhisten und Aktivisten. Gere hat seit Jahren keinen erfolgreichen Film mehr gedreht, Seagal eigentlich noch gar keinen. Aber als gut gekleideter Aktivist bleibt man eben im Gespräch.
Coole Merchandise-Artikel und lieb blinzelnde Anführer können die Vertriebenen und Toten von Darfur nicht bieten. Klarer Punktsieg für die Mönche und den Gottmensch. Wobei man sich darüber im Klaren sein sollte, dass der tibetische Buddhismus mit Demokratie und Freiheit so viel zu tun hat wie der Patriot Act mit Patriotismus.
Vielleicht erklärt der Dalai Lama Richard Gere und Co. ja mal bei einer guten Tasse Yakbutter-Tee, was er mit den Geldern vom CIA gemacht hat, und ob er auch heute noch Sklaven halten würde. Das wäre eine spannende Diskussion, die wir leider niemals bei Maybrit Illner oder Anne Will sehen werden...
Warum ich heute so angriffslustig bin? Vielleicht liegt es an den widerrechtlichen Übergriffen auf friedliche Demonstranten. Oder an geldgeilen und menschenverachtenden Kulten wie Scientology, gegen die man etwas unternehmen muss, wie das Anonymous macht. Gewaltfrei, die Mittel des Internets nutzend. Und auf der Straße, die schon an die Rechten verloren schien.
Vielleicht will ich mir selbst aber auch nur beweisen, dass wir um die 30 eben nicht müde, klein, langweilig sind, sondern interessiert und engagiert. Und auch wenn ich mich ein wenig unwohl fühle, dass diese Un-Gruppe mit der Maske eines katholischen Radikalen rumläuft, so bin ich doch ganz klar auf der Seite der anonymen Aktivisten. Es geht hier nämlich nicht um Religionen – Gott sei dank... –, sondern um Wahrheit und Freiheit.
Da sind mir anonymisierende Plastikmasken definitiv lieber als Seidenschals. Denn letztere schmücken nur die Träger nach dem Motto: "Schau mal, was wir doch für tolle Friedensaktivisten sind." Die Maske aber symbolisiert, dass nicht wichtig ist, wer hinter der Maske steckt. Entscheidend ist die Idee, die der Maskenträger vertritt. Denn wie sagte V so richtig? "Ideen sind kugelsicher."
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