Dieser Tage stolperte ich bei Edge über eine Sammlung Texte, die die Frage "Worüber sind Sie optimistisch? Und warum?" behandelt. Bin nicht einmal ansatzweise durch – 160 Essays, 110.000 Wörter. Aber den Text von Kai Krause mit dem Titel Neo-Contentism, was übersetzt "Neue Zufriedenheit" bedeutet, habe ich sehr genossen. Wer kann, sollte den englischen Text lesen. Wer des Englischen nicht ausreichend mächtig ist, dem empfehle ich Krauses eigene Übersetzung (bei beiden Links runterscrollen).
Krause schildert zu Beginn des Textes, wie wir dank der allgegenwärtigen Technik und Vernetzung blitzschnell auf Daten und Werke zugreifen, uns darüber austauschen, sie kopieren, sie genießen können. Alles raketenschnell, alles hyperscharf. Dank des Digitalen besitzen wir nach einer Zahlung von ein paar Euro ein Lied, ein Original. Was würde Walter Benjamin in unseren Tagen eigentlich über die Aura erzählen, da es kein eigentliches Original mehr gibt? Oder gibt es doch noch sowas wie ein digitales Original? Ich schweife ab...
Ich stellte mir die Frage, wie es wäre, wenn plötzlich alle Steckdosen keinen Strom mehr liefern würden? Kein Internet, keine Computer, kein Austausch, zumindest kein digitaler mehr. Grausame Vorstellung. Aber dann auch wieder irgendwie verlockend. Endlich wieder Büchern die Zeit widmen, die sie verdienen, wenn sie gut geschrieben sind. Entschleunigung ist das Stichwort. Allerdings bräuchten wir dann wahrscheinlich wieder mehr Papier. Wobei – wie sagte der von Pierer? "Das papierlose Büro ist genauso weit weg wie das papierlose Klo." Nun ja, genug paper hat der Mann ja auch gemacht...
Als bei zwei Freunden von mir dieser Tage in der Agentur die Internetleitung zusammenbrach und die Komiker (nein, nicht meine Freunde) drei Tage lang streikten, bekundete ich mein Beileid. Aufrichtiges Beileid. Denn ja, ich bin ein Internet- und Infojunkie! Ich war dankbar, dass mir das nicht passiert war. Und ein wenig schadenfroh, übrigens ein Wort, das mittlerweile auch Amis gern benutzen. David Pogue übersetzte Schadenfreude kürzlich so: That delicious German word meaning "taking pleasure in other people’s misfortune." Und alle sagen immer, das Englische wäre more versatile. Pah!
Kaum schämte ich mich für meine Schadenfreude, da traf es mich. Instant bad karma. Von jetzt auf gleich - DSL tot. Panik! Modemreset, Routerreset. Nichts! Hotline! Techniker kann mir nicht helfen, denen ist gerade selbst ein System abgeraucht. Ich möge doch bitte in einer halben Stunde wieder anrufen. In einer halben Stunde, 30 Minuten? Kein Problem, lese ich halt was. Ich hatte den Link ja noch auf dem Desktop. Link... da war ja was... kein Netz... Dann eben ein Buch. Ich schaffte es kaum zwei Sätze weit, ohne das permanent rot blinkende Licht an meinem Router zu überprüfen, in der hoffnungslosen Hoffnung, das Netz könnte gleich wieder da sein, so schnell, wie es verschwunden war. Nach meinem halbstündigen Martyrium erneut Anruf auf der Hotline. Nein, sie wüssten nicht genau, wann meine Leitung wieder in Ordnung sei. Ihnen ist nach dem System nun auch noch eine Verteilerstation abgeraucht. Das Netz blieb weg.
Nach einer Stunde wurde ich ruhiger, saß locker im Sessel, las, entspannte. Eigentlich ganz schön hektisch, diese ständige Surferei, diese Jagd nach neuen und vertrauenswürdigen Informationen. Dieses Hecheln nach neuem Content. Content – Neo Contentism. Hat Kai da etwa eine Doppelbedeutung eingebaut? Ist unsere neue Zufriedenheit nicht besonders abhängig von der Verfügbarkeit des Digitalen? Sicher. Macht mich das nervös? Kein Stück. Ich mache schließlich auch kaum Backups. Leichtsinnig, ich weiß. Aber ein wenig Risiko im Leben macht es doch spannend. Dafür werde ich sicher demnächst bestraft...
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